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Nach dem Frühstück (mit Blick aufs Meer) fahre ich die herrlich kurvenreiche Straße nach Miliés, lasse dort das Auto stehen und gehe zu Fuß weiter bis nach Vizítsa. Auf dem Weg dorthin fällt mir auf, wie viel Wasser die Berge hinabfließt: An jeder Stelle der Straße überlagert sich das plätschernde Geräusch von mindestens zwei Wasserläufen. Unterwegs hat man einen grandiosen Blick über den gesamten Pagasitischen Golf - in der klaren Frühlingsluft reicht der Blick bis zur Halbinsel von Tríkeri, so dass der Golf wie ein Binnengewässer gänzlich von Bergen eingeschlossen erscheint.

Sowohl Miliés wie auch Vizítsa sind sehr gepflegt und haben den Tourismus dezent in ihr Ortsbild integriert, vor allem in Vizítsa scheint man sich auf upper-class Touristen spezialisiert zu haben. Der Dorfplatz, der in meiner Erinnerung einen besonderen Rolle einnimmt, ist jedenfalls so gut wie unverändert erhalten. Die ansässigen Tavernen sind aus ihrem Morgenschlaf noch nicht erwacht, so dass ich dort lange in ungestörter Ruhe zubringen kann. Die Kombination aus Ruhe, kühler Morgenluft, wärmender Sonne und der Zauber des Ortes unter den riesigen Platanen inspirieren mich zu einer "akustischen Meditation". In folgender Reihenfolge werden mir die Geräusche bewusst:

  1. Lautes Vogelzwitschern
  2. Wasserplätschern
  3. Ferne Stimmen
  4. Hahnengeschrei
  5. Hufgeklapper
  6. Hundebellen
  7. Fernes Autogeräusch
  8. Pfeifender Eselstreiber

Die Esel hier sind wahrlich keine Touristenattraktion, sondern dienen noch immer als alltägliches Transportmittel, da in den engen und steilen, mit grobem Kopfstein gepflasterten Gässchen kein Auto, nicht mal ein Moped vorwärtskommen würde. Irgendwie bin ich erleichtert, denn auch wenn es nicht mehr das abgelegene und unentdeckte Dorf wie früher ist, so ist Vizítsa doch nach wie vor ein Höhepunkt auf einer Fahrt durch den Pilion. Ich liebe dieses Fleckchen Erde!

Bisher hatte ich die Route nicht weiter als Vizítsa geplant und so stehe ich jetzt vor der Frage: Wohin nun? Ich entschließe mich, die legendäre Bucht ("DIE BUCHT") zu suchen. Leider weiß ich weder die genaue Bezeichnung der Bucht, noch deren Lage, nur dass der Name "Fakistra" irgendetwas damit zu tun hatte, glaube ich mich zu erinnern. In meiner ansonsten hervorragenden Straßenkarte ist dieser Name allerdings nirgendwo zu finden, also kaufe ich mir vor Ort eine großmaßstäbliche Karte des Pilion. Und tatsächlich: Ungefähr dort, wo ich es erwartet hatte, finde ich es: Fakístra! Nachdem ich auf dem Dorfplatz in Miliés bei einem griechischen Kaffee pausiert habe, geht die Suche los. Laut Karte soll im Ortszentrum von Tsangaráda eine Straße dorthin abzweigen, doch da Tsangaráda leider kein Ortszentrum besitzt (es erstreckt sich weitläufig über die Osthänge des Pilion) finde ich sie erst einmal nicht.

Schließlich entdecke ich einen morschen, ausgebleichten Wegweiser, dem ich, nicht ohne mich vorher bei einem Einheimischen zu versichern, folge. Die letzten Häuser bald hinter mich lassend, wird die extrem kurvige Straße immer schmaler, steiler und schlechter. Der abgerutschte Straßenrand verschüttet an mehreren Stellen die jeweils tiefer liegende Kehre. Die Ziegen auf der Straße haben scheinbar auch lange schon kein Auto mehr gesehen, denn sie lassen mich erst passieren, nachdem ich sie mit der Stoßstange sanft berühre. Ich mache mir ein wenig Sorgen, ob der Citroën Saxo mit seinen nur zwei angetriebenen Vorderrädern hier jemals wieder heraufkommt...

Die Straße endet ca. 50 Höhenmeter über dem Meeresspiegel - von dort aus führt ein eine Art Ziegenpfad weiter steil bergab. Was ist, wenn ich hier stürze? Da die letzte Begegnung mit einem Menschen schon einige Zeit her ist, vergewissere ich mich, dass wenigstens mein Handy funktioniert. Natürlich gibt es hier keinen Empfang! Aber was soll's: Wenn es einen Ort gibt, an dem ich sterben möchte, dann hier!

"Wäre ich auch sicher", sagte er, "ins Paradies zu gelangen, so würde ich Gott bitten, mich über diesen Weg dorthin gehen zu lassen."
(Nikos Kazantzakis)

Ich beginne den Abstieg und erkenne bereits nach wenigen Metern die Stelle, von der aus 99% aller Fotos von Fakístra geschossen werden. Vorsichtig nähere ich mich dem Abhang und werde mit dem schönsten aller vorstellbaren Ausblicke belohnt: Da liegt sie unter mir: Fakístra, türkisfarbenes Wasser, weißer Strand, steil eingerahmt von dunkelgrau und -grün bewaldeten Felsen - menschenleer!

Kurze Zeit später erreiche ich den Strand. Es ist inzwischen Mittag, die Sonne zeigt, was sie Mitte Mai schon leisten kann, das Wasser ist aber noch ziemlich frisch. Als Stärkung gönne ich mir erst einmal den mitgebrachten Joghurt aus 100% Schafsmilch (ziemlich gewöhnungsbedürftig) und Obst. Neben dem leisen Plätschern der Wellen dringt der Klang rauschenden Wassers an mein Ohr. Ich gehe dem Geräusch nach und finde an der Basisflanke der Bucht einen Wasserfall, der einen kleinen See bildet und in die Bucht abfließt. Schmelzwasser aus den Gipfeln des Pilions - eiskalt!

Nachdem ich ungefähr eine Stunde vollkommen alleine in der Bucht bin, werde ich vom Tuckern eines Außenborders aufgeschreckt. Ein junges griechisches Paar lässt sich am Strand absetzen. Sie sind sehr sympathisch, wir kommen ins Gespräch und später zeige ich Ihnen den Wasserfall. Auch sie sind vollkommen begeistert. Nach dem Duschen unter dem eiskalten Wasserfall kommt einem das Meer schon deutlich wärmer vor. Als ungefähr eine weitere Stunde später zwei weitere Touristen die Bucht per Landweg erreichen, wird es mir zu belebt und ich mache mich wieder auf den Rückweg. Kurz bevor ich das Auto erreiche, treffe ich zwei weitere Touristen, die die Bucht ansteuern. Jetzt wird's ja richtig voll - gut, dass ich so früh hier war. Von der Straße aus gönne ich mir einen letzten Blick zurück - was gibt es Schöneres als diesen Ort? Etwas wehmütig mache ich mich auf den Weg, die Tatsache, dass der Wagen die Bergauffahrt ohne Probleme meistert, tröstet mich nur wenig.

Da der Nachmittag noch nicht weit fortgeschritten ist, entschließe ich mich, die Südküste der Magnesia-Halbinsel anzusteuern. Hinter Neochóri wandeln sich die Berge zu einer hügeligen Mittelgebirgslandschaft, deren blütenübersäte Wiesen irgendwie an die Eifel erinnern. Auf den ordentlich ausgebauten Straßen komme ich zügig voran und erreiche bald Plataniá, einen verträumten kleinen Ort mit einer niedlichen Promenade und einem kleinen Hafen. Hier finde ich alles, was ich im Augenblick brauche: Einen leckeren Eisbecher, eine Bank im Schatten direkt am Strand und viel Zeit zum Dösen. Am späten Nachmittag werde ich von einem rhythmischen, klatschenden Geräusch aufgeschreckt: Etwas weiter westlich schmettert ein Fischer mit aller Kraft Tintenfische auf die Steine der Uferpromenade. Das also ist der Trick, damit die Kalamares bei der Zubereitung nicht zu Gummi werden...

Zurück in Kalá Nerá erfrische und erhole ich mich ein wenig im Hotel, dann spaziere ich kreuz und quer durch den Ort und vergleiche die Bilder meiner Erinnerungen mit dem Kalá Nerá der Gegenwart. Am Abend - langsam gewöhne ich mich an die späte Essenzeit - kehre ich in dieselbe Taverne wie gestern ein. Die Vorspeisenplatte sowie der Tsípouro geht wieder aufs Haus, als Hauptgericht folge ich der Empfehlung des Wirts, das Tagesgericht ("It's not on the card") zu nehmen: Eine Art Tafelspitz mit Reisnudeln und geraspelten Kefalotiri-Käse bestreut. Es ist authentisch, einfach, sättigend und lecker und der hiesige Weißwein passt hervorragend dazu (7,80 €). Auch zur Zigarre suche ich denselben Ort wie am Vortag auf - Gutes muss man nicht wechseln. Von der nächstgelegenen Taverne dringt leise Musik herüber, der Mond spiegelt sich im Wasser der Bucht - welch ein Tag!

Pílion:


Vizítsa:


Pílion:


Fakístra:


Plataniá:


Kalá Nerá: