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Pünktlich zur Eröffnung um 7:30 Uhr treffe ich am Haupteingang in Delphi ein. Dort wird mir bewusst: Der Reinfall gestern war eine Fügung des Schicksals. Denn Delphi am frühen Morgen ist einfach unbeschreiblich! Es sind höchstens zehn Besucher in der gesamten Anlage, die Luft ist noch morgenfrisch, das Licht klar und die Ruhe vollkommen. Langsam steige ich den Hang hinauf; keine lärmenden und drängelnden Menschenmassen stören, kein Suchen nach Schutz vor der Sonnenhitze lenkt ab. Vom Lorbeerbaum vor dem Apolloheiligtum pflücke ich einige Blätter, vielleicht ist der Baum ein Nachkomme des heiligen Lorbeerbaums, von dessen Blättern sich einst schon die Pythia berauschte. Überall wachsen wilde Blumen und violett blühende Disteln und überziehen die alten Steine mit farbigen Tupfen. Auf den Absperrseilen sitzen Schrecken und wärmen ihre Körper in den Strahlen der frühen Morgensonne. Am Stadion angekommen wird mir die andächtige Stille noch deutlicher bewusst: Zu hören ist nur das Zwitschern der Vögel, das monotone Summen der Bienen und das leise Rascheln der Blätter im Wind. Mit einem deutschen Ehepaar, das kurz darauf hier eintrifft komme ich ins Gespräch - wir trauen uns kaum, laut zu sprechen, so ergreifend ist die Szenerie.

Niemand sagte etwas; wir spürten, dass dieser Augenblick, dass dieser Ort heilig sei und nur Stille dazu passe.
(Nikos Kazantzakis)

Es dauert lange, bis ich mich dazu überwinden kann, den Rückweg anzutreten. Erst als mir gewahr wird, dass unten am Eingang die ersten Reisebusse eintreffen, fällt mir der Abschied leichter. Delphi an einem Morgen im Frühjahr - das ist ein Erlebnis, das dem von Metéora in Nichts nachsteht. Bevor ich mich endgültig von Delphi verabschiede, suche ich noch den etwas weiter südlich gelegenen Tholos-Tempel und das Gymnasion auf, letzteres ist von violetten Windenblüten übersäht - wunderschön!

Auf der Weiterfahrt nach Vólos führt die Straße am malerischen Nordufer des Golfs von Maliakós mit Blick auf die nahegelegene Insel Évia (Euböa) vorbei. Gegen Mittag erreiche ich Néa Anchíalos, wo ich in einer äußerst untouristischen Taverne einkehre und sofort in die Küche geleitet werde, um gezeigt zu bekommen, was es heute Gutes gibt. Der frische Fisch sieht wirklich verführerisch aus und ist hier - im Gegensatz zu Itéa - auch bezahlbar. Schließlich bekomme ich einen undefinierbaren Körperteil eines ebenfalls undefinierten Fisches, frittiert und lecker. Während ich mit dem wie immer viel zu üppigen griechischen Salat kämpfe, hängt der Wirt auf einem in der Sonne angebrachten Rohrgestell einige Dutzend Kalamares zum Trocknen auf.

Dann geht die Fahrt weiter, mitten durch das Stadtzentrum von Vólos hindurch und über die herrliche Uferstraße bis Kalá Nerá. Beim Anblick des großen Eukalyptusbaums am Nordende der Dorfpromenade gehen die Erinnerungen mit mir durch. Ich parke den Wagen am Ufer und ergebe mich dem Glücksgefühl, nach 21 Jahren wieder hier zu sein. Nur wenige Meter weiter liegt ein einladend aussehendes Hotel, das von einem alten Griechen geführt wird, der kein Wort Englisch versteht. Nachdem wir uns in einem schwierigem "Dialog" für ein Zimmer mit WC und Dusche auf 20 € pro Nacht geeinigt haben, entschließe ich mich, hier drei Tage zu verweilen. Das Zimmer ist klein, aber sauber und hat sogar einen Kühlschrank und einen Balkon in Sicht- und Hörweite des Meeres. Anschließend setzte ich mich zu einem Frappé in ein Café an der Uferstraße und lasse Blick und Gedanken lange über das Meer schweifen, dann spaziere ich kreuz und quer durch das Dorf und am Ufer entlang.

Und zum erstenmal in meinem Leben war ich glücklich im vollen Bewusstsein meines Glückes. Es tut wohl, einfach und schlicht glücklich zu sein; zu wissen, dass man glücklich ist, ist noch besser, aber sein Glück zu verstehen, weil man weiß, warum und wie und durch welche Fügung von Ereignissen und Umständen, und dennoch glücklich zu sein [...] das ist mehr als Glückseligkeit, das ist eine Gnade Gottes, und wenn man ein bisschen Verstand hätte, sollte man sich auf der Stelle umbringen und es dabei belassen.
(Henry Miller)

Die Auswahl einer Taverne zum Abendessen fällt mir heute besonders schwer, schließlich entscheide ich mich doch für eine Bestimmte, obwohl ich selber zuerst nicht genau weiß, warum ich genau diese Wahl getroffen habe. Erst später wird mir klar, dass hier eine lange vermisste Kleinigkeit auf einigen Tischen steht: Die typischen, bronzierten Alu-Weinkaraffen! Der Wirt serviert zunächst die hauseigene Vorspeisenkombination, bestehend aus Taramosalata, Oliven und Sardellen, als Hauptgericht wähle ich gegrillte Lammkoteletts und Bier. Dabei komme ich mit dem Wirt ins Gespräch und erzähle ihm, dass ich vor 21 Jahren bereits schon mal hier war. Er ist entzückt, erzählt mir seinerseits, dass er vor genau 21 Jahren hier als Kellner begonnen und sich später selbständig gemacht hat (natürlich zusammen mit seinem Bruder - wir sind ja schließlich in Griechenland). Wir tauschen einige Zeit Erinnerungen darüber aus, wie es 1982 hier ausgesehen und was sich seither verändert hat. Irgendwie sind wir uns sympathisch und er spendiert mir einen Tsípouro auf Kosten des Hauses. Auch die Vorspeisenplatte lässt kostet mich nichts. Nach dem Essen gibt er noch einen Tsípouro aus und trinkt einen selber mit. Ob seine Story stimmt oder nicht - hier fühl ich mich wohl!

Die inzwischen obligatorische Zigarre genieße ich auf einer etwas abseits gelegenen Bank direkt am Ufer, der aufgehende Mond scheint über die Bucht von Kalá Nerá - das war wieder ein Spitzentag!